Rezensionen

In TERRA ECONOMICUS 2013 Nr. 2, Zeitschrift der Universität Wolgograd.
Zu lesen unter:
http://ecsocman.hse.ru/data/2013/08/09/1251248053/journal11.2-12.pdf

In Ossietzky 21/2012.

„Lewin in der Geschichte“

„Das Buch ist schwer zu rezensieren, weil der Verfasser, viele Jahre für das (west-)deutsche Institut für Entwicklungspolitik in Bonn tätig, später Professor an der Fachhochschule Brandenburg, eine Vorbemerkung zu seinem Buch geschrieben hat, die dessen Inhalt ganz wunderbar zusammenfaßt, so daß ich nicht umhin komme, aus ihr zu zitieren. Er meint, das Buch sei »nicht nur, nicht einmal primär eine Biographie. Betrachtet wird die Person in ihrer Vita von 1905 bis 1945; sie führt den Leser durch Perioden der Zeitgeschichte, vom revolutionären Rußland zur Roosevelt-Ära, von der deutschen Inflation zur Bankenkrise, von der professionellen Falschmünzerei in Grauzonen der Wirtschaft zum Verfälschen politischer Dokumente in Geheimdienstmilieus ..., als Leser durchstreift man inhaltsreiche Abschnitte der neueren und neuesten Geschichte, mit dem besonderen Reiz, daß deren Auswahl einzigartig, weil biographisch bestimmt ist. Der Sinn, dieses Buch zu lesen, liegt somit nicht darin, die innere Entwicklung und das Schicksal eines Isaac Lewin unter den Bedingungen seiner Zeit zu erleben; vielmehr geht es darum, ihn als einen Führer durch Zeitgeschichte zu sehen und zu nehmen.«

Der Hauptakteur des Buches wurde 1887 in Kiew geboren und starb 1945 in New York, studierte in Rußland und Deutschland Ökonomie und schrieb bis 1917 zahlreiche, noch heute zitierte Arbeiten über das russische Bankwesen, emigrierte 1918 nach Deutschland, wo er zwar nicht als Wissenschaftler reüssierte, wohl aber als Bankier, vor allem jedoch als Wechselfälscher, weshalb er sich 1929 nach Brasilien absetzte, dort den Namen Normano annahm und wenig später als angeblich brasilianischer Ökonom an der berühmten Harvard University zu lehren begann, bis ihm die deutsche Polizei auch dort auf die Spur kam, ein Auslieferungsersuchen stellte, das aber nach einigem Hin und Her – wir schreiben das Jahr 1933 und Lewin ist Jude – abgelehnt wird, worauf dieser weiter als Wirtschaftswissenschaftler und Politikberater tätig sein kann, zwar nicht bei Harvard, aber doch bei einigen Forschungsorganisationen in New York, vor allem über Lateinamerika arbeitet und schließlich noch zwei Bücher über den Geist ökonomischen Denkens in den USA und Rußland verfaßt, die auch bei der antijüdischen Kosmopolitismusdebatte in der Sowjetunion der Nachkriegszeit eine Rolle spielen.

Der Verfasser hat ausgiebig recherchiert, Zeitungen und Literatur aus vielen Ländern und in vielen Sprachen ausgewertet, unbekümmert um den politischen Standort der Verfasser, natürlich auch unter Benutzung deutscher Archive und ins Internet gestellter Dokumente, und in den damit gesetzten Grenzen wohl weitgehend vollständig (ein darüber Hinausgehen hätte sicher unbezahlbare Vorortrecherchen auch in den Archiven der beiden Amerikas und Rußlands erfordert). Ein spannend und unterhaltsam geschriebenes Buch mit sorgfältigen Quellenangaben für jene, die es noch genauer wissen wollen.“

Thomas Kuczynski, in: Ossietzky 21/2012 – Zweiwochenschrift für Kultur / Politik / Wirtschaft



In Landesgeschichtliche Vereinigung.

Hans H. Lembke, Bankier Fälscher Historiker. Der Weg des Isaac Lewin durch die Geschichte seiner Zeit, Freiburg 2012, 370 S.

„Lewin war ein Chamäleon“ schreibt der Autor Hans Hinrich Lembke (S. 129) über seinen Protagonisten. Seine Arbeit, die nicht nur stattliche Ergebnisse mitteilt, sondern den Leser an den sehr umfangreichen Recherchen – auch den Irrwegen, auf denen sich nichts über Lewin fand – teilhaben läßt, bestätigt diese Einschätzung weitgehend. Nachdem er 1905 in Kiew sein Abitur abgelegt hat, studierte Isaac Lewin in St. Petersburg Staatswissenschaften am Polytechnikum, wechselte aber dann für einige Semester nach Leipzig, wohl um den Unruhen in Rußland auszuweichen, die in einigen Gebieten mit heftigen Pogromen einhergegangen waren. Juden waren im Zarenreich zudem noch zahlreichen Einschränkungen unterworfen, die sich auch auf die Möglichkeiten, eine Universität zu besuchen, bezogen. Nach Abschluß des Studiums und seiner Dissertation in Freiburg arbeitete Lewin in Russland in Banken und veröffentlichte zahlreiche Artikel, die sich mit unterschiedlichen Facetten des nationalen und internationalen Bankwesens befassten. Die Russische Revolution verschlug ihn zunächst nach Finnland, dann über Breslau nach Berlin, wo er offensichtlich im damaligen „Russischen Berlin“ gut vernetzt war und seine im Studium erworbenen deutschen Sprachkenntnisse, sowie aber vor allem seine Kontakte zu führenden deutschen Staatswissenschaftlern, die zu seinen Professoren gezählt hatten, ihm Zugang in das deutsche Bankwesen und die entsprechenden Kreise verschaffte. Sein Schwerpunkt lag im Außenhandel mit den nordischen Staaten, besonders aber natürlich auch mit Rußland bzw. der Sowjetunion, in deren „Geburtswehen“ das Bankwesen und die Geldbeschaffung im europäischen Ausland zentrale politische Themen waren. In Berlin beteiligte sich Lewin an einigen Banken mit Kapitaleinlagen, wobei Ende der Zwanziger Jahre undurchsichtige, ja sogar betrügerische Wechselgeschäfte, die die ihm gehörende Bank G. Löwenberg & Co. durchführte, zu einem Eklat und zur Flucht Lewins nach Paris (1929) führte. Ein ausführliches Aktenkonvolut - im Archiv des Auswärtigen Amtes gefunden – zeigt die unterschiedlich intensiven Bemühungen der Berliner Polizei zwischen 1929 und 1933, Lewins habhaft zu werden, der schließlich von Paris über Kuba und Brasilien nach Boston reiste, um sich dort an der Harvard-Universität unter dem falschen Namen João Frederico Normano als Dozent einzuführen. 1933 flog er zwar auf, hatte sich aber bereits als Historiker - spezialisiert auf die wirtschaftlichen Verbindungen Südamerikas zu den USA - „einen Namen gemacht“. Seine Unterstützer konnten eine Abschiebung nach Deutschland schließlich mit der Begründung verhindern, daß ihn dort als Juden kein faires Verfahren erwarten würde. Lewins/Normanos späte Arbeiten (er starb 1945) beschäftigten sich mit Südamerika vor allem auch im Hinblick auf den beginnenden Krieg, dann aber auch mit dem ökonomisch aufstrebenden asiatischen Raum der Nachkriegszeit. Über Lewins Herkunft und Familie wird wenig mitgeteilt, wohl aus Mangel an Quellen, so soll das Wenige, das sich in Lembkes Arbeit an unterschiedlichen Stellen findet, kurz zusammengefasst werden: Isaac Iljitsch (Eljewitsch) Lewin wurde 1887 in Kiew geboren. Sein Vater Elias Lewin lebte dort, in der Wasilkiwska Str. 99, als wohlhabender Kaufmann, der sowohl Bankgeschäften nachging, als auch der aufstrebenden ukrainischen Zuckerwirtschaft verbunden war. Lewins Mutter Taube scheint erstmalig 1922 in Berlin als Kaufmannswitwe namentlich auf, ebenso ein eventueller Bruder Moses, der im gleich Jahr in Bankgeschäften von Stockholm in die Reichshauptstadt eilt. Isaac Lewin war verheiratet (1920 in Charkow), die Ehefrau Bertha geb. Spivakowski ließ sich 1929 von Paris aus scheiden. (1931 heiratete das Paar jedoch erneut, sodaß man in der Scheidung einen geschickten Schachzug vermuten darf, um auch der Ehefrau die Flucht nach Südamerika zu ermöglichen). Kinder hatte das Paar wohl nicht. Was für ein bewegtes und bewegendes Leben, das der Autor ganz bewußt einbettet in die unruhigen, ja katastrophalen Zeitläufte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die er in zahlreichen thematischen „Exkursionen“ ausführlich darstellt. So sei beispielhaft das „Russische Berlin“ erwähnt, das er in seiner Vielfalt (Medien, Verlage, Autoren) ausführlich beschreibt, um das Umfeld und mögliche Netzwerk Lewins zu erkunden und darzustellen. Primäre Quellen, wie z.B. die Berliner Adressbücher (in denen Lewin nur sporadisch aufscheint) oder das Einwohnermelderegister des Berliner Landesarchivs (das - wie so oft - leider versagt, vom Autor irrtümlich als „Einwohnerverzeichnis“ bezeichnet) haben leider nicht allzu viele Informationen über Lewins Berliner Leben liefern können, sodaß hier andere Unterlagen (z.B. über die jüdische Loge Montefiore) herangezogen werden mußten. Jedes Kapitel ist mit einem ausführlichen Literatur- und Quellenverzeichnis versehen, das deutlich macht, wie akribisch der Autor allen Spuren nachging und in welch unterschiedlichen Archiven er tätig werden mußte. Rußland, Deutschland, Frankreich, Südamerika und USA waren „zu beackern“ und insofern ist das Ergebnis beeindruckend, auch wenn der Hauptdarsteller Lewin manches Mal hinter den spannenden, aber doch allgemeinen Informationen über Zeit und Umfeld im Schatten bleibt. Aber das dürfte dem „Chamäleon“ geschuldet sein, auch Fotos scheinen nur wenige zu existieren, sodaß man sich mit zwei Portraits auf der Rückseite des Covers begnügen muß. Ein Personenregister schließt die Arbeit ab. Hans Hinrich Lembke wollte nicht primär eine Biographie schreiben, sondern mit Isaac Lewins Lebensweg Zeitgeschichte darstellen. Dies ist ihm auf spannende und unterhaltsame Weise gelungen und man muß staunen, welche speziellen Blickwinkel durch die Recherche zu dieser Arbeit – auch für Berlin - ausgeleuchtet wurden. Für Freunde Berlins, jüdischer Geschichte, vor allem aber auch für an Wirtschaftsgeschichte Interessierte (sehr aktuell durch die Bankenkrise!) ist das Buch eine Fundgrube!

Felicitas Spring, in: Mitteilungsblatt der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg, 115 (2014 ) 2, S. 95 f.

 

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