aus Kapitel 8

Von Süd- nach Nordamerika

Den Auftakt gibt ein Brief des Deutschen Konsulats Boston an das Auswärtige Amt in Berlin, mit Datum vom 23. September 1932: „Im Bezirke dieses Konsulats lebt eine etwa 44 Jahre alte Persönlichkeit anscheinend russisch-jüdischer Herkunft, die unter dem Verdachte steht, sich eines falschen Namens zu bedienen und in Wirklichkeit ein gewisser Isaac Lewin sein soll, der im Jahre 1928 von den deutschen Behörden wegen schwerer, in Berlin begangener Bankverbrechen gesucht worden sein soll. [...] Der Betreffende scheint nach Amerika von Brasilien hergekommen zu sein und soll sich im Besitze eines brasilianischen Passes befinden. Er wird mir als außerordentlich intelligent und gewandt geschildert, soll aber auch hier bereits betrügerische Manipulationen versucht haben. Er spricht geläufig deutsch, russisch und englisch.“ Hinzugefügt ist, dass der Aufenthaltsort des Verdächtigen bekannt sei und die Personenidentität sich prüfen lasse. Man möge ein Foto Lewins aus seiner Berliner Zeit zusenden.

Das Schreiben trägt die Unterschrift des Konsuls, Kurt Wilhelm Viktor von Tippelskirch. Die Antwort erhält er sechs Wochen später vom Unter-suchungsrichter am Landgericht Berlin, mit Foto und Bitte um Identitäts-auskunft. Auch die Universität Freiburg trägt ein Puzzleteilchen bei: ein Issac Lewin sei dort promoviert worden, nicht aber ein Kandidat namens Normano. Das Bild verdichtet sich zum hinreichenden Verdacht. Das Jahresende erlebt Normano / Lewin noch in Freiheit, am 7. Januar aber meldet die Presse seine Festnahme. „Harvard Lecturer Seized as Forger“ betitelt die New York Times ihre Nachricht. […]

In den folgenden Tagen läuft nichts für Normano und alles für Tippelskirch. Normano bietet an, seine Identität mit Lewin verbindlich zu erklären, nur wolle er nicht dem Zeugen gegenübertreten. Der Staatsanwalt lehnt ab, und der Identitätszeuge erkennt Lewin am 27. Januar 1933 mühelos; schließlich ist er – Dr. Fritz Driesen – sein leitender Mitarbeiter in der Löwenberg-Bank gewesen. […] Eine ‚inoffizielle‘ Identifikation hat es schon vor Driesens Auftritt gegeben. Fred Wiehl, ein seit langem wegen Börsenaffären gesuchter Anwalt, in Boston kürzlich verhaftet, bekommt im Verhör – nebenher – ein neueres Foto von Normano vorgelegt; denn auch Wiehl ist ein Mann aus Berlin. Natürlich kenne er diesen Mann: „Yes, that’s Lewin. I knew him very well. My office was next to Lewin’s. He was regarded as a bi banker and a high liver”. Ein bisschen dicker sei er allerdings geworden. Auf diese Wiedererkennung folgt umgehend eine zweite. Während Wiehls Verhör weitergeht, durchquert eine Besucherin den Bürosaal und verschwindet hinter einer Tür. „That’s Mrs. Lewin“, sagt Wiehl. „She has grown a trifle older, but I would recognize her anywhere.”