aus Kapitel 7

Der Löwenberg-Fall und die Flucht

Auf der Flucht vor den Folgen ihres Finanzskandals kamen Lewin und Rappeport in ein Paris, das Größeres gewohnt war. Zeitgleich mit den Berichten über Katz und Wohlauer erschien im Berliner Tageblatt ein seitenlanger Artikel über „Madame Marthe Hanau, die Frau mit den 32 Geldschränken“. Auf sie bezog sich auch ein Beitrag im letzten Januarheft der Weltbühne: „La Gazette du Franc“. Simson Carasco, alias Carl von Ossietzky, schrieb darin über „zwei ungeheure finanzpolitische Affären, die eng zusammenhängen und die – man erwarte keine sensationellen Enthüllungen – schön totgeschwiegen werden.“ Als erste war die Affäre der „Gazette“ und ihrer Eignerin „Madame Hanau“ in die Schlagzeilen gekommen. Dies war am 1. Dezember 1928; zwei Wochen später folgte „Le Sénateur Klotz“. In beiden Fällen ging es um betrügerische Finanzmanöver, die seit Jahren liefen, aber erst jetzt Skandalreife gewonnen hatten – auf finanzieller wie politischer Ebene. Und es war der Blick auf letztere, der Ossietzky erwarten ließ, dass „sensationelle Enthüllungen“ ausbleiben würden; denn in beiden Affären waren hochrangige Politiker involviert, deren Ruf auf dem Spiele stand.

In Zahlen gefasst, war der Fall Klotz der kleinere; dies galt für den finanziellen wie auch den politischen Schaden. Der Senator, geboren 1868, lebte auf großem Fuße, liebte Glücksspiele und ging Wetten in beträchtlicher Größenordnung ein. Seine Schulden hatten sich zu einem Berg von neun Millionen Francs aufgetürmt, den er mit ungedeckten Schecks und gefälschten Wechseln abzutragen versuchte. Diese Nonchalance hatte er möglicherweise in seiner Zeit als Finanzminister im Kabinett Clemenceau (1917–1920) entwickelt, in dem er einerseits für die Annahme eines US-Kredits von 400 Millionen Dollar zeichnete, andererseits mit Nachdruck Frankreichs finanzielle Forderungen gegenüber dem unterlegenen Deutschland vertrat: „Le Boche paiera!“ In dieser Verantwortung sah er sich auch deshalb, weil er den Versailler Vertrag mitunterzeichnet hatte. Somit war er ein international exponierter Politiker, dessen Ruf aus Staatsräson zu pflegen war – in Grenzen, wie sich in den letzten Novembertagen 1928 herausstellte.

Was damals geschah, ist bis heute nicht vollkommenen transparent. Die französische Presse hielt sich auffällig zurück und überließ die Untersuchung weitgehend ausländischen Blättern. Folgt man der (fiktiv umrankten?) Interpretation Ossietzkys in der Weltbühne, so sah sich der Ministerpräsident Poincaré einmal mehr in der Pflicht, unter der Decke Klotz‘ Schulden zu decken. „Er ließ drei der mächtigsten jüdischen Pariser Bankiers zu sich bitten und sprach zu ihnen: ‚Meine Herren, Sie werden Klotz retten! Erstens schulden Sie das dem Lande und zweitens ihrer Rasse. Klotz ist einer ihrer Glaubensgenossen.‘ Die drei Bankiers baten um Bedenkzeit. Nach vierundzwanzig Stunden schickten sie dem Premierminister ihre Antwort: sie seien einverstanden, die wichtigsten Gläubiger von Klotz auszuzahlen, doch stellten sie zwei Bedingungen: Erstens das Verschwinden von Klotz, das heißt, Internierung in einer Heilanstalt. Zweitens Einschreiten gegen die Schwindelaffäre der ‚Gazette du Franc‘, gegen die schon seit einigen Monaten Anzeigen erstattet wurden.“