aus Kapitel 4

Chancen in Berliner Banken?

Welche Alternative hat Isaac Lewin gewählt, welche Möglichkeiten des Einstiegs in Berlin hat er sich erschlossen und letztendlich genutzt? Aufmerksame Leser kennen die Antwort: er wurde Bankdirektor, schon bald nach seiner Ankunft. Die fachlichen Voraussetzungen für eine Banktätigkeit besaß er, aber was machte die Bankenszene im Jahr 1922 für einen russischen Immigranten interessant? War es die Chance für einen steilen Aufstieg oder die drittbeste Wahl im Kampf ums Überleben? Waren Fachleute seines Profils selten und entsprechend gefragt, oder ging es darum, in einem Heer von Stellungsuchenden die Nase vorn zu haben? Banken schossen zwischen 1919 und 1923 wie Pilze aus dem Berliner Boden, unter ihnen zahlreiche „Animierbanken“, die schon bald, nach der Inflation, spurlos wieder verschwanden.

Welche besonderen Stärken glaubte Lewin zu haben, um sich gegen eine Vielzahl von Konkurrenten durchsetzen zu können? Er wusste, dass er das Massengeschäft meiden und sich – zusammen mit Direktoren und Eignern – eine Nische suchen musste, in der die Bank komparative Vorteile entwickeln konnte. Welche Stärken er einbrachte, liegt auf der Hand: Kenntnis des russischen Bankwesens vor 1919 einschließlich verbliebener Netzkontakte, Grundwissen zum deutschen Bankensektor, fundierte Vorstellungen zum Potential deutsch-russischer Finanzbeziehungen, Kommunikationsfähigkeit.

Als Nische boten sich damit zumindest zwei Geschäftsfelder an: die Vermögensverwaltung für gutsituierte Landsleute im deutschen Exil und die Finanzierung auf verschiedenen Ebenen deutsch-russischer Wirtschafts-kooperation. Die Vermögensverwaltung, Private Investment Banking in heutiger Sprache, war Anfang 1922 noch interessant, verlor im Folgejahr aber seine Bedeutung, da viele Russen sich entschlossen, die Migrationsetappe Berlin zu beenden. Fruchtbar blieb die Nische dennoch; denn in dem Maße, wie das eine Geschäftsfeld an Schwung verlor, erhöhten sich die Chancen in dem anderen. Die deutsch-russische Wirtschafts-kooperation, im Kriege eingefroren, wurde ab 1921 neu belebt. Wichtige Anstöße waren die Neue Ökonomische Politik in Sowjetrussland, der Vertrag von Rapallo und das deutsch-russische Wirtschaftsabkommen von 1925.