aus Kapitel 14

Post-mortem: wer zitiert Lewin, wer Normano?

Ein besonderes Interesse verdienen die Kommentare, die über Normanos Ideengeschichte der russischen Ökonomik gedruckt wurden, das Buch also, mit dem er in gewissem Sinne nach Russland zurückkehrte. […] Wie wurde das Buch in der Sowjetunion, wie danach aufgenommen? Eine erste heftige Reaktion zeigte die sowjetische Zeitschrift Bolschewik in ihrer Ausgabe vom März 1949. Der Beitrag trug den Titel: „Gegen die kosmopolitischen Verdrehungen der Geschichte des russischen ökonomischen Denkens“. Den Anlass für diese Attacke gab ein Buch von W. M. Schtein: „Skizzen der Entwicklung des russischen sozial-ökonomischen Denkens im 19. und 20. Jahrhundert“. Im Artikel werden die Kriecherei vor dem Ausland und der Kosmopolitismus verdammt, die auch in der Missachtung der russischen Wirtschaftsgeschichtschreibung zum Ausdruck kämen. Kritisiert werden neben Schtein zwei weitere Wissenschaftler mit jüdisch klingenden Namen: Israil G. Bljumin und David I. Rosenberg. Schtein wird vorgeworfen, die frühe Entwicklung der russischen Wirtschaftswissenschaft mit ausländischen Einflüssen zu erklären. Dabei sei dies nicht seine ‚Entdeckung‘, sondern er wandle nur auf den Spuren der vulgärbourgeoisen, amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler.

„Kürzlich wurde in den USA ein kleines Buch von Normano (Lewin) über die Geschichte des russischen ökonomischen Denkens herausgebracht. Der Autor spricht darin der russischen Wirtschaftswissenschaft jede eigenständige Entwicklung ab. So übernimmt der Kosmopolit Schtein in der Beurteilung der russischen Wirtschaftswissenschaften die Sicht des bourgeoisen amerikanischen Ökonomen.“ Warum dieser Amerikaner noch einen zweiten, in Klammern hinzugefügten Namen trug, erklärte der Bolschewist nicht, wohl aber die New York Times. In einem Artikel mit der Überschrift „Three Economists Assailed in Soviet” war zu lesen, dass „Dr. Normano, a Jewish refugee from Germany, born in Russia, had been accused in 1933 by the Nazi Government of being a fugitive German banker Izaak Lewin, which he denied. His extradition was refused by United States courts.”  […]

Die jüngste, russischsprachige Bewertung von Normanos Russian spirit wurde schon kurz erwähnt. A. A. Belych gab sie in seinem Vorwort zu dem 2010 publizierten Band mit den drei Arbeiten von Lewin/Normano. Darin schließt er sich der Einschätzung an, dass der Autor eine Ideengeschichte, nicht ein bio-/bibliographisches Nachzeichnen der Theorieentwicklung liefert. Auf die Kritik Gerschenkrons gibt er eine sehr interessante Antwort: er glaube, dass Normanos Ansatz, die intellektuelle Atmosphäre zu schildern und nicht die Theoriegebäude auszuleuchten, den eigentlichen Wert seiner Arbeit ausmache. Ihm gefällt auch Normanos Stil; er schreibe leicht und flüssig, fast in populärer Form, was aber den wissenschaftlichen Wert seiner Arbeit keineswegs schmälere. Natürlich seien nicht alle Schlussfolgerungen des I. I. Lewin unbestreitbar, aber das Buch werde jeden Leser ansprechen, der sich für die Geschichte des Denkens in der russischen Gesellschaft interessiere. Völlig abwegig sei es, Lewins These in Frage zu stellen, dass die russische Wirtschaftswissenschaft sich nicht unabhängig von der westeuropäischen habe entwickeln können. Russland war ökonomisch zurückgeblieben; wie hätte es da eine dem Westen überlegene Ökonomik schaffen können?