Vorstellung

Bankier, Fälscher, Historiker
Der Weg des Isaac Lewin durch die Geschichte seiner Zeit (1887-1945)

Der Sinn, dieses Buch zu lesen, liegt nicht darin, die innere Entwicklung und das Schicksal eines Isaac Lewin unter den Bedingungen seiner Zeit erleben; vielmehr geht es darum, ihn als einen Führer durch Zeitgeschichte zu sehen und zu nehmen. Sein Leben und Werk zu betrachten ist deshalb faszinierend, weil dies der Wanderung durch eine Jahrhunderthälfte gleichkommt, die sich mit ihrer Ereignisdichte von allen früheren abhebt. In dem Buch geht es vor allem um diese Zeitreise, und erst an zweiter Stelle um die Erforschung von Persönlichkeit und Werk des Reiseführers. Beispiele können dies erläutern. Wenn Lewins Emigrationsweg als russischer Wirtschaftshistoriker beleuchtet wird, so versteht der Leser dies vor dem Hintergrund der Auswanderungswelle aus russischen Universitäten um 1920. Wenn beschrieben wird, wie die Polizei den Bankier Lewin als Wechselfälscher entdeckt, so wird gleichzeitig ein Einblick in Instabilität und Kriminalität im Berliner Bankenwesen am Ende der zwanziger Jahre geboten. Auch der Kampf des J. F. Normano (alias Lewin) gegen die Auslieferung an Deutschland – ab Januar 1933 – wird nicht als Einzelfall betrachtet, sondern vor den Hintergrund der ersten Protestbewegungen amerikanisch-jüdischer Communities gegen den Antisemitismus der Hitler-Regierung gestellt. Und schließlich: die Chance des ‚brasilianischen‘ Wissenschaftlers, einen Harvard-Lehrstuhl zu erhalten, wird abgewogen mit Blick auf den Wettbewerb, der in den dreißiger Jahren um die Professuren an dieser Universität entbrannte – wo ein Schumpeter relativ schnell zum Zuge kam, ein Leontief aber mehr als ein Jahrzehnt warten musste.

Isaac Lewin wird 1887 in Kiew geboren und wächst im Ansiedlungsrayon der russischen Juden auf, als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns. Für Wirtschaftswissenschaften schreibt er sich am Petersburger Polytechnikum ein; dort gibt es für Juden keinen Numerus Clausus. Schon nach wenigen Wochen wird das Institut geschlossen; der Russische Herbst 1905 ist politisch unruhig. Lewin geht an die Universität Leipzig und kehrt nach einem Jahr ans Polytechnikum zurück – eine unverkennbar „politische“ Hochschule. Sein Hauptlehrer ist Petr Struwe; er war Marxist, ist jetzt Liberaler und einer der prominenten Konstitutionellen Demokraten (Kadetten). Lewin macht sein Examen, sam¬melt erste Bankerfahrungen, lehrt und publiziert. Sein Ziel ist die Professur; er wird 1912 in Freiburg promoviert und setzt als Privat-Dozent seine Unikarriere in Petersburg fort. Auch als Manager ist er erfolgreich – in Nebenlinie. Politisch steht er den Kadetten nahe, publiziert mehrfach in Struves Russkaja Mysl‘, ebenso in der Zeitung der Liberalen. Diese erscheint bis Juni 1918; eine der letzten Ausgaben bringt einen langen, mäßig kritischen Artikel über Lenins ökonomisches Denken.

Der Autor ist Lewin. Er verlässt Russland wenige Wochen später, geht nach Helsinki, arbeitet dort in Banken und für den Schutz russischer Unternehmerinteressen in Finnland. Für russische Emigranten aller Schichten und Schattierungen ist das Land nur eine Etappe. Viele ziehen weiter nach Paris, so auch Struve. Nicht wenige gehen in die deutsche Hauptstadt, in der sich für einige Jahre ein „Russisches Berlin“ bildet. Dort kommt Lewin 1921 an – und zieht in den Neuen Westen. Hat er Chancen, seine Wissenschaftskarriere fortzusetzen? Öffnen sich ihm die Türen neuer Einrichtungen, wie das Osteuropa-Institut in Breslau oder das Russische Wissenschaftliche Institut in Berlin? Wie gut ist Lewin vernetzt, und wie hart ist die Konkurrenz emigrierter Hochschullehrer – war Lewin in Petersburg nicht nur ein Junior? Hilft ihm Struve, inzwischen am RWI einflussreich engagiert?

Ob mit oder ohne wissenschaftliche Option – Lewin entscheidet sich für das Business. Dabei hilft ihm seine Mitgliedschaft in der Loge B’nai B‘rith. Er wird Bankdirektor, bietet Vermögensanlagen für wohlhabende Emigranten und betreibt Finanzierungen im Ostgeschäft. Auch versucht er, sich in den Kampf der deutschen Provinzbankiers gegen die Konzentrationspolitik der Berliner Großbanken einzubringen. Er scheitert, sein Plan für eine Zentralbank AG in Berlin – unter Beteiligung wichtiger Provinzbanken – geht nicht auf, und die Aktienbank, der er vorsteht, muss schließen. Andererseits hat er ausreichend Kapital gesammelt, um sich 1926 die traditionsreiche Privatbank Löwenberg zu kaufen. Anfangs laufen die Geschäfte gut. Ab 1927 aber häufen sich die Bankkrisen im Mittelstand, als Vorzeichen der Zusammenbrüche im Großmaßstab. Im Ostgeschäft mit „Russenwechseln“ sinkt der Nischenprofit; die großen Banken auf Westseite und die Staatsmonopole auf Ostseite sind die ‚big players‘. Die Liste der illiquiden Institute wird immer länger, und im Januar 1929 kommt Lewins Bank hinzu. Seine Wechsel kann er nicht mehr diskontieren, schon nach ersten Meldungen über den „Löwenberg-Skandal“ gelten sie rundweg als Fälschungen. Der Fall belebt für eine Woche die Zei-tungen, ist aber keiner der wirklich großen. Diesen Rang erreichen die Skandale um Barmat, Sklarek, Raiffeisen und Stinnes.

Fälschungen bieten Stoff für eine Milieugeschichte der Wilden Zwanziger. Fälscher gibt es nicht nur in Grauzonen der Wirtschaft; „Blüten“ werden nicht nur zur Bereicherung sondern auch für außenpolitische Zwecke gedruckt. Dasselbe gilt für das Fälschen politischer Dokumente, womit Vladimir Orlov in die Geheimdienst-Geschichte eingegangen ist. Isaac Lewin ist schon in Paris, als sein Wechsel-Schwindel auffliegt. Die Stadt lebt im Ausklang der „Années Folles“, das Fälschen gehört dazu. Top-Affären sind die des früheren Finanzministers Louis Klotz und einer Wundertäterin in Finanzanlagen: Marthe Hanau. Fälscher wie sie werden nicht selbstverständlich missachtet. Dies spiegelt ein Film über Madame Hanau noch in den Achtzigern, mit Romy Schneider in der Hauptrolle. Ein ci-neastischer Exkurs zum Thema Fälschen führt zwingend auch zu Orson Welles. F for Fake, sein „film about trickery and fraud“, ist faszinierend und irritierend.

Lewin geht von Paris nach Brasilien, nennt sich nun João Federico Normano (Hans Friedrich Normanne, sic!) und lässt sein Alter auf unter 40 senken. Die doppelte Pass-Fälschung ist auf die Position zugeschnitten, die er anstrebt: Juniorwissenschaftler in Harvard. Der große Sprung gelingt, er wird Vizedirektor des Lateinamerika-Instituts und schreibt ein vielbeachtetes Buch, das manche noch heute zu den Wurzeln der brasilianischen Entwicklungstheorie zählen. Auch legt er Grundsteine für die von der US-Regierung entwickelte Ideologie des „neuen“ Panamerikanismus – als politisch korrektere Form der Monroe-Doktrin. Im Dezember 1932 aber droht auch seiner zweiten Hochschulkarriere ein gefährlicher Knick: Seine wahre Identität wird entdeckt, der deutsche Generalkonsul in Boston macht ihn zu seinem Fall und weckt damit nach der Machtergreifung höchstes Interesse in Berlin. Der „Case Normano“ führt umgehend zum diplomatischen, dann auch au-ßenpolitischen Konflikt. Das Auswärtige Amt verlangt die Auslieferung, die junge Roosevelt-Regierung erfährt Druck von der jüdischen Community, leitet diesen ans AA weiter, und löst dort Bedenken aus. Die politische Isolierung will man nicht, und die USA haben in diesem Schachspiel eine Schlüsselrolle.

Lewin muss die USA nicht verlassen. Er wird zwar von Harvard vor die Tür gesetzt, bleibt aber gehört und geachtet in der US-Lateinamerikanistik und verlegt ab 1941 sein Interesse auf Forschung und Lehre mit pazifischem Bezug – wiederum mit Blick auf neue Felder in der wissenschaftlichen Politikberatung. Bevor er dort einflussreich zu Wort kommen kann, stirbt er im April 1945. Die New York Times widmet ihm einen Nachruf. In der Literatur der Stalin-Zeit wird er nur kurz erwähnt, mit systemisch-ideologischer Einordnung. Erst 2010 erscheint in Moskau ein Buch zu ihm: mit einem Nachdruck dreier Arbeiten, darunter der Artikel über Lenins ökonomisches Denken.